In diesem Jahr begehen wir den vierten Jahrestag des revolutionären Aufstands von Jina unter Bedingungen, in denen einerseits tödliche Bedrohungen, wirtschaftlicher Druck und die Zerstörungen infolge des Krieges das Leben von Millionen Menschen massiv beeinträchtigen. Andererseits versucht die Islamische Republik Iran durch eine Verschärfung ihrer repressiven Politik, eine beispiellose Zunahme von Hinrichtungen sowie durch Vorwürfe wie „Spionage“ und „Gefährdung der nationalen Sicherheit“, die Stimmen sozialer Bewegungen und politischer Gegner*innen zum Schweigen zu bringen.
Gleichzeitig versuchen rechte und autoritäre Kräfte im In- und Ausland, die bestrebt sind, alte Formen von Despotismus, Abhängigkeit und Diskriminierung wiederherzustellen, die Bewegung „Frau, Leben, Freiheit“ für sich zu vereinnahmen. Sie versuchen, ihren emanzipatorischen und progressiven Inhalt auszuhöhlen und sie entsprechend ihrer eigenen politischen und klassenbezogenen Interessen neu zu definieren.
„Frau, Leben, Freiheit“ war eine Bewegung, die von Frauen getragen wurde und sich mit den Kämpfen verschiedener gesellschaftlicher Schichten, Nationalitäten und marginalisierter und unterdrückter Gruppen verband. Sie setzte sich von Kurdistan bis Belutschistan und von Chuzestan bis Aserbaidschan fort – begleitet und unterstützt von queeren Menschen, Migrantinnen und Arbeiterinnen.
Diese Bewegung eröffnete neue Perspektiven für die Kämpfe der Menschen im Iran. Sie machte die Befreiung vom Zwangshijab als eines der langanhaltenden Instrumente der Unterdrückung und Herrschaft über Frauen zu einem zentralen Bestandteil des Widerstands. Zugleich machte sie die Forderung nach einem Ende systematischer Repression, Diskriminierung und Ungleichheit zu einer landesweiten Forderung.
Zum vierten Jahrestag dieser Bewegung gedenken wir mit tiefem Respekt der Getöteten und würdigen den Widerstand Tausender Inhaftierter, Gefolterter und zum Tode Verurteilter, darunter Journalistinnen und zivilgesellschaftliche Aktivistinnen.
Wir betonen, dass der Schutz des Lebens politischer Gefangener, die Unterstützung der Kampagne „Dienstage gegen die Todesstrafe“, die sich mittlerweile in ihrer 135. Woche des Widerstands befindet, sowie der Kampf für die vollständige Abschaffung der Todesstrafe zu den dringendsten Aufgaben aller freiheitsliebenden und für Gleichheit eintretenden Kräfte gehören.
Nach den jüngsten Angaben von Amnesty International wurden im Jahr 1404 (2025/26) insgesamt 2.159 Menschen hingerichtet. Dies entspricht einem Anstieg von 50 Prozent gegenüber dem Vorjahr und stellt die höchste Zahl an Hinrichtungen seit 44 Jahren dar – also seit den Massentötungen der 1980er-Jahre
Seit Beginn des Jahres 1405 (2026) wurden mindestens 378 Menschen hingerichtet, darunter 48 Frauen. Mehr als 60 der kürzlich Festgenommenen sind ebenfalls von der Todesstrafe bedroht.
Wir bekräftigen einen grundlegenden Grundsatz: Freiheit und Gerechtigkeit können nicht durch Krieg und Militarismus erreicht werden.
Der Krieg hat die ohnehin schwierigen Lebensbedingungen von Millionen Menschen weiter verschärft. Besonders Frauen sind davon betroffen. Viele von ihnen arbeiten als Straßenverkäuferinnen, sind Familienernährerinnen oder in kleinen Werkstätten beschäftigt. Dadurch sind sie zunehmend patriarchaler und frauenfeindlicher Gewalt ausgesetzt – wie auch die gestiegene Zahl der Femizide zeigt.
Frauen sind weiterhin vom Singen ausgeschlossen und werden bei ihrem Widerstand gegen dieses Verbot mit schweren Strafen wie Peitschenhieben und Gefängnis sowie mit haltlosen Anschuldigungen konfrontiert.
So wurde beispielsweise Hiwa Seifizadeh, Sängerin und Lehrerin für traditionelle iranische Musik, wegen des Vorwurfs der „Förderung von Korruption und Prostitution“ zu vier Jahren Haft verurteilt.
Am 25. August dieses Jahres erhielten zwei Frauen, die während der Proteste im Dezember 2025 demonstriert hatten, jeweils 31 Peitschenhiebe. Acht Frauen wurden wegen politischer und ideologischer Vorwürfe zum Tode verurteilt.
Wir, die 22 unabhängigen iranischen Frauenorganisationen, bekräftigen unser Recht auf Leben, auf ein Leben in Frieden und sozialer Gerechtigkeit sowie auf die Befreiung von jeglicher Form von Gewalt.
Wir unterstützen uneingeschränkt die Bewegung „Frau, Leben, Freiheit“ und ihre Errungenschaften. Wir sehen ihren weiteren Weg in der unabhängigen Organisierung, in der Verbindung verschiedener sozialer Bewegungen, in der Stärkung von Netzwerken des zivilen Widerstands und in der Bewahrung einer landesweiten Solidarität.
Frau, Leben, Freiheit
30. August 2026 / 8. Schahrivar 1405
Unterzeichnende Organisationen
• Verein „Gemeinsam für die Gesundheit der Frauen“
• Vereinigung freier iranischer Frauen – Italien
• Verein iranischer Frauen in Dallas
• Verein iranisch-deutscher Frauen in Köln
• Partho-Frauenverein
• Frauenverein Montreal
• MeToo-Bewegung Iran
• Iranian Circle of Women for International Cooperation (ICWIN)
• Frauen für Freiheit und nachhaltige Gleichheit
• Iranische Aktivistinnen im Exil – Berlin
• Iran and Kurdish Women’s Rights Organisation (IKWRO)
• Organisation zur Befreiung der Frau
• Alltagsfeminismus
• Forum iranischer Frauen in Wien
• Frau-Leben-Freiheit-Kollektiv Rom
• Kampagne gegen Ehrenmorde
• Komitee für Geschlechtergleichheit der Solidarität der Republikaner Irans
• Gruppe zur Einheit linker Frauen
• Gruppe iranischer Frauen in Nordkalifornien
• Frauengruppierung für Frauenstudien in Orange County
• MANAV – Organisation iranischer LGBTQIA+-Menschen
• Forum iranischer Frauen in Hannover
