Zum Anlass des 25. November, des Internationalen Tages zur Beseitigung von Gewalt gegen Frauen, bekräftigen wir, 23 unabhängige iranische Frauenorganisationen, erneut unseren gemeinsamen Willen, der sexualisierten und geschlechtsspezifischen Gewalt entgegenzutreten. Der Weg, der vor uns liegt, ist lang und stürmisch – ein Weg, auf dem Frauen und Gleichberechtigungsaktivistinnen mit Gefängnis, Exil, Unterdrückung und struktureller Ausgrenzung konfrontiert sind und weiterhin standhaft bleiben.
Obwohl strukturelle Gewalt gegen Frauen im Iran schon vor der Errichtung der Islamischen Republik in unterschiedlichen Formen existierte, wurde sie im gegenwärtigen rechtlichen und politischen System – in enger Verbindung mit religiösen Institutionen, politischer Macht und patriarchalen Machtverhältnissen – zunehmend reproduziert. Laut offiziellen Statistiken wurden allein im Jahr 1403 (2024/25) mindestens 158 Frauen ermordet und über 16.500 Fälle häuslicher Gewalt registriert – Zahlen, die die tief verwurzelte Struktur dieser Gewalt widerspiegeln.
Auch im öffentlichen Bereich zeigt sich eine der brutalsten Formen staatlicher Gewalt: die Hinrichtung von Frauen – als nackter Ausdruck der Kontrolle, Unterdrückung und Eliminierung ihrer politischen und sozialen Handlungsfähigkeit. Der Iran, mit der höchsten Zahl hingerichteter Frauen weltweit, hat Gewalt gegen Frauen zu einem Instrument der Festigung seiner frauenfeindlichen Herrschaft gemacht – einem Werkzeug, das sowohl das Frausein als auch das politische Handeln ins Visier nimmt. Staatliche Gewalt gegen Frauen in Form von Verhaftungen, Folter und Hinrichtungen hat im vergangenen Jahr zugenommen. Die Todesstrafe ist zu einem Mittel geworden, um die Stimmen der Protestierenden – insbesondere unter unterdrückten Ethnien, den unteren Klassen, der LGBTQ+-Gemeinschaft und sozialen Aktivist*innen – zum Schweigen zu bringen. Mehrere Frauen wurden zu Hinrichtung oder langjähriger Haft verurteilt – ihr einziges „Verbrechen“ war die Verteidigung von Leben, Würde und Gerechtigkeit.
Angesichts dieser Todesmaschinerie stehen wir gemeinsam mit der Kampagne „Dienstage gegen die Todesstrafe“ ein – aus Überzeugung vom Recht jedes Menschen auf Leben und mit dem Ziel, die Todesstrafe als eine der brutalsten Formen staatlicher Gewalt abzuschaffen.
Die Feminisierung der Armut ist ebenfalls eine der sichtbaren Folgen der bestehenden Ungleichheitsordnung. Diese Ordnung verknüpft geschlechtsspezifische Machtverhältnisse mit Klassenunterschieden, ethnischen Spaltungen und Marginalisierung – wodurch Frauen vielfachen Formen struktureller Gewalt ausgesetzt sind: von der Verweigerung von Bildung und Gesundheitsversorgung bis hin zu Kinderheirat, Schulabbrüchen von Mädchen, Kinderarbeit und dem Entzug von Kontrolle über Lebens- und Einkommensquellen.
Wir sind überzeugt, dass im Schatten von Krieg und Militarisierung eine der brutalsten Formen von Gewalt gegen Frauen fortbesteht – eine allgegenwärtige Gewalt, die nicht nur das Leben, sondern auch die Lebensfähigkeit, Existenzgrundlagen, psychische Gesundheit und Organisationsmöglichkeiten von Frauen bedroht.
Während des jüngsten militärischen Angriffs Israels und der USA auf den Iran und des zwölf Tage andauernden zerstörerischen Krieges wurden Frauen erneut in unsichere, verletzliche und schutzlose Situationen gedrängt. Einige politische Gefangene in Evin waren direkt den Bombardierungen ausgesetzt und wurden anschließend – ohne angemessene medizinische Versorgung – in das Gefängnis Qarchak verlegt; ein weiteres Beispiel struktureller Gewalt.
Doch diese Gewalt beschränkt sich nicht auf die Grenzen des Iran. Militarismus und Kriegstreiberei bedrohen das Leben von Frauen in der gesamten Region und weltweit systematisch – auf dem Boden geschlechtlicher, sozialer und ethnischer Ungleichheiten. Von der Zerstörung von Bildungs- und Gesundheitsinfrastruktur, bis hin zu wachsender Armut, Obdachlosigkeit und Arbeitslosigkeit – Frauen stehen im Krieg immer an vorderster Front der Opferrolle, während dieselben kriegstreibenden Systeme sie gleichzeitig von Entscheidungsprozessen ausschließen. Krieg, Militarismus und Ausgrenzungspolitik haben das Leben von Millionen Frauen in der gesamten Region gefährdet. Im vergangenen Jahr wurden nicht nur Frauen durch Bombardierungen schutzlos, sondern auch Tausende afghanische Migrant*innen – insbesondere Frauen und Kinder – Opfer gewaltsamer Abschiebungen, unterstützt durch staatliche Politik und genährt von strukturellem Rassismus.
Ob Bombardierung oder Abschiebung – diese Formen der Gewalt stammen aus demselben Herrschaftssystem, welches Frauen überall an den Rand drängt und ihnen das Recht auf ein freies Leben entzieht.
Die revolutionäre Erhebung „Frau, Leben, Freiheit“ hat nicht nur die bestehende Ordnung herausgefordert, sondern einen neuen Horizont für das Nachdenken über die Grundlagen von Herrschaft und Gewalt eröffnet – einen Horizont, in dem selbst taktische Rückzüge des Regimes bei der Durchsetzung der Zwangsverschleierung Ausdruck einer verschobenen Kräftebalance zugunsten kollektiven Handelns und sozialer Resistenz sind.
Dieser Widerstand ist das Ergebnis des kontinuierlichen, generationenübergreifenden Kampfes von Frauen und Gerechtigkeitsaktivist*innen – eines Kampfes, der Grenzen von Geschlecht, Ethnie und Klasse überschritten und sich zu einem gemeinsamen Banner für soziale Gerechtigkeit, Freiheit und Gleichheit gewandelt hat.
Auf diesem Weg ist der Kampf gegen geschlechtsspezifische Gewalt nicht nur eine Aufgabe der Frauen, sondern eine kollektive Verantwortung. Auch gleichberechtigungssuchende Männer müssen – nicht nur als Begleiter, sondern als verantwortliche Akteure – ihre eigene Rolle in Machtstrukturen und Privilegien reflektieren und aktiv daran mitwirken, gewaltvolle Verhaltensmuster, mit-schweigende Komplizenschaft und patriarchale Strukturen zu überwinden.
Dieses Feld des Kampfes ruft uns alle – denn der Weg zu einer menschenwürdigen, gleichberechtigten und herrschaftsfreien Welt führt nur über bewusstes und solidarisches gemeinsames Handeln.
Wir, die 23 unabhängigen iranischen Frauenorganisationen, sind überzeugt, dass das Ende der Gewalt gegen Frauen nur durch kontinuierlichen, organisierten und umfassenden Widerstand möglich ist.
Dieser Kampf ist aus dem ununterbrochenen Widerstand gegen verschiedene Formen von Gewalt entstanden – im privaten Bereich, wegen häuslicher Gewalt – bis zur Kontrolle über den Körper – und im öffentlichen Bereich, von diskriminierenden Gesetzen bis zur politischen Unterdrückung.
Mit dem Bewusstsein um die tiefen Wurzeln der Gewalt in patriarchalen Machtverhältnissen stellen wir uns gegen Institutionen, Diskurse und Handlungen, die diese Gewalt reproduzieren.
Wir sehen uns als Teil der globalen feministischen und gerechtigkeitsorientierten Bewegungen, die sich gegen Fundamentalismus, Rassismus, Krieg, Militarismus, Kolonialismus und alle Formen von Herrschaft stellen.
Mit Widerstand, Zusammenhalt und Ausdauer kämpfen wir für eine Welt frei von Gewalt, Diskriminierung und Unterdrückung.
Wir betonen die Tatsache, dass kein System, das auf Unterdrückung und Herrschaft basiert – ob unter dem Deckmantel der Religion oder im Namen der Modernität – dem kollektiven Willen von Frauen und Menschen, die für Freiheit, Gleichheit und ein menschliches Leben kämpfen, standhalten kann.
Die Bewegung „Frau, Leben, Freiheit“ hat gezeigt: Der Moment des Wandels liegt nicht in ferner Zukunft – er entsteht im Jetzt, durch unser Handeln.
Frau, Leben, Freiheit!
November 2025
Alltäglicher Feminismus“
Bewegung „#MeToo Iran“
Frauen für Freiheit und nachhaltige Gleichheit
Frauengruppe Nordkalifornien
Frauenvereinigung in Montreal
Frauentribunal e. V.
Forum iranischer Frauen in Wien
Gemeinnützige Organisation IWIN – Empowerment der Frauen durch Kunst
Gruppe der vereinten linken Frauen
Iranisch-deutscher Frauenverein Köln e. V.
Iranische Aktivistinnen im Exil – Berlin Iranischer Frauenverein Parto e. V. Kampagne zur Beendigung von Ehrenmorde Kollektiv „Frau, Leben, Freiheit“ in Rom Komitee für Geschlechtergleichheit der Solidarität der Republikanerinnen Irans
Kreis iranischer Frauen für globale Zusammenarbeit (ICWIN)
Organisation „Befreiung der Frau“
Organisation der LGBTQI+ „Manav“
Organisation für Frauenrechte, IKWRO
Studiengruppe für Frauen in Orange County
Vereinigung „Zusammen für die Gesundheit der Frauen“
Vereinigung freier iranischer Frauen
Vereinigung iranischer Frauen in Dallas
