Fortsetzung des revolutionären Aufstands „Frau, Leben, Freiheit“

Wir, 23 unabhängige iranische Frauenorganisationen, betonen am dritten Jahrestag der staatlichen Ermordung von Jina (Mahsa) Amini – im Gedenken an sie und an die Tausenden weiteren Getöteten – die Fortsetzung des revolutionären Aufstands „Frau, Leben, Freiheit“. Dieser Aufstand ist aus der Wut und dem Leid von Millionen Frauen und Männern hervorgegangen, die jahrzehntelang unter der Herrschaft der Unterdrückung, Diskriminierung, Armut und Ungerechtigkeit gelebt haben und auf die Straßen gingen, um das Ende dieses Kreislaufs der Gewalt einzufordern.

Diese Bewegung, getragen von Frauen und verbunden mit den Kämpfen der unterdrückten sozialen Schichten, Nationalitäten und Ethnien – von Kurdistan bis Belutschistan, von Khuzistan bis Aserbaidschan – hat den Kämpfen des iranischen Volkes neue Werte hinzugefügt. 

Dazu gehören:

die Befreiung von der Zwangsverschleierung, als einem Instrument der Unterdrückung und Kontrolle von Frauen, nach 47 Jahren unermüdlichen Widerstands,

der Kampf für ein Ende systematischer Repressionen, Unterdrückung und Ungleichheit,

sowie die Schaffung einer landesweiten Solidarität zwischen dem Zentrum und den Marginalisierten, als eines der leuchtenden Beispiele dieser Bewegung.

Nach den militärischen Angriffen Israels und der USA auf den Iran und dem zwölf Tage dauernden Krieg, der mit schweren menschlichen Verlusten und der Zerstörung von Infrastruktur einherging, versucht die Islamische Republik Iran durch verschärfte Repressionspolitik, die Stimmen der sozialen Bewegungen und politischen Oppositionellen mit Vorwürfen wie „Spionage“ und „Gefährdung der nationalen Sicherheit“ zum Schweigen zu bringen. Gleichzeitig bemühen sich rechte und autoritäre Kräfte im In- und Ausland, die alte Formen von Diktatur, Abhängigkeit und Diskriminierung wiederzubeleben, die Bewegung sowie die Parole „Frau, Leben, Freiheit“ zu vereinnahmen und so ihres befreienden und progressiven Gehalts zu entleeren, um sie im Sinne ihrer eigenen politischen und klassenbezogenen Interessen umzudeuten.

Wir erklären mit klarer Stimme: Der revolutionäre Aufstand „Frau, Leben, Freiheit“ entstand weder zur Wiederherstellung einer neuen Form von Despotismus, noch zur Unterstützung reaktionärer, regionaler oder globaler Projekte, sondern zur Verwirklichung sozialer Gerechtigkeit, politisch-sozialer Gleichheit und eines freien Lebens. Diese Bewegung begann mit dem Aufschrei der kurdischen, arabischen, belutschischen und türkischen Frauen, wurde durch den Widerstand von Queers, Migrant*innen und Arbeiter*innen fortgeführt und wächst heute weiter in Verbindung mit den Kämpfen von Frauen, Kinderrechts- und Umweltaktivist*innen, Migrant*innen, Lehrer*innen, Pflegekräften, Rentner*innen, politischen Gefangenen und Millionen marginalisierter Menschen.

Es ist eine Bewegung, in der vielfältige Stimmen zusammenfließen – Stimmen, die Gerechtigkeit nicht als leere Parole, sondern als dringende Notwendigkeit für ein menschenwürdiges Leben verstehen.

Die Islamische Republik und alle Kräfte, die darauf abzielen, die Bewegung „Frau, Leben, Freiheit“ zu unterdrücken, zu vereinnahmen oder zu verfälschen – von religiös-autoritären Strömungen bis hin zu nationalistischen und neoliberalen Rechten im Exil – sind in einem Ziel vereint: die wahre Stimme des Volkes (od. der Menschen) zum Schweigen zu bringen. Die einen tun es durch Repressionen und Hinrichtungen, die anderen durch Verdrehung und mediale Umdeutung. Die Auslöschung der Stimmen von Frauen und ihren Forderungen nach Befreiung aus der reaktionären patriarchalen Ordnung – sei es durch Reformist*innen, die Scheinreferenden als Rettungsweg propagieren, durch nationalistische Propagandaprojekte oder durch Kräfte, die sich zu Werkzeugen imperialistischer Interventionen machen – ist Teil dieses vielschichtigen Eliminationsszenarios.

Trotz massiver Repressionen hat die Bewegung „Frau, Leben, Freiheit“ bisher wichtige und nachhaltige Errungenschaften erreicht:

  • die Überwindung der allgemeinen Angst und die Verankerung zivilen Ungehorsams im Alltag,
  • die Umwandlung des Zwangsschleiers in ein tägliches Feld des Widerstands gegen die staatliche Kontrolle über die Körper von Frauen – bis hin zur klaren Forderung nach dem Sturz der Islamischen Republik,
  • die Ausweitung der Solidarität zwischen sozialen, gewerkschaftlichen und politischen Bewegungen im Iran,
  • die Verbindung des Kampfes gegen Geschlechterdiskriminierung mit dem Kampf gegen Armut, ökonomische Gewalt und strukturelle Ungerechtigkeit,
  • die Stärkung des Diskurses über Gleichheit, soziale Gerechtigkeit sowie individuelle und kollektive Freiheiten.

Am dritten Jahrestag dieses revolutionären Aufstands – im Gedenken an die Getöteten und im Respekt vor den tausenden Verhafteten, Gefolterten und zum Tode Verurteilten, darunter Journalist*innen und zivilgesellschaftliche Aktivist*innen – betonen wir, dass diese Bewegung aktive, organisierte und mehrschichtige Unterstützung braucht, um fortzubestehen.

Heute gehören der Schutz des Lebens politischer Gefangener, die Unterstützung der Kampagne „Dienstage gegen die Todesstrafe“ sowie der Kampf für die Abschaffung der Todesstrafe zu den dringendsten Aufgaben aller freiheits- und gleichheitsliebender Kräfte. Das Leben von Sharifeh Mohammadi und anderer zum Tode Verurteilter ist in Gefahr – Schweigen bedeutet Mittäterschaft am Verbrechen.

Darüber hinaus stellt die gewaltsame Abschiebung afghanischer Migrant*innen – darunter Frauen, Kinder und besonders Schutzbedürftige – in eine von den Taliban beherrschte Situation ein weiteres Beispiel derselben Logik der Unterdrückung, Ungerechtigkeit und politischen Instrumentalisierung dar, gegen die diese Bewegung aufgestanden ist. Die Solidarität mit diesen marginalisierten Gruppen ist ein untrennbarer Teil der Fortsetzung von „Frau, Leben, Freiheit“.

Auf diesem Weg erklären wir, 23 unabhängige Frauenorganisationen, unsere uneingeschränkte Unterstützung für den Aufstand „Frau, Leben, Freiheit“ und seine Errungenschaften.

Wir sehen den zukünftigen Weg dieser Bewegung in der Organisierung, in der Verbindung der Proteste der Bevölkerung und in der Bewahrung der landesweiten Solidarität. 

Zugleich betonen wir die Notwendigkeit der Verbindung und Solidarität mit den Kämpfen von Frauen im Sudan, in Palästina, Afghanistan, Syrien, Kurdistan und der Türkei und an anderen Orten der Welt gegen Krieg, Besatzung, Militarismus und Patriarchat. Wir verstehen diesen Kampf als Teil einer globalen Perspektive für Geschlechtergerechtigkeit und soziale Gerechtigkeit.

Wir unterstreichen die Notwendigkeit kollektiver Wachsamkeit, die Stärkung von Netzwerken des zivilen Widerstands und die kontinuierliche Verbindung sozialer Bewegungen, um jeglicher Verdrehung, Auslöschung oder Vereinnahmung dieser Bewegung – heute wie in Zukunft – entgegenzutreten.

Frau, Leben, Freiheit

August 2025

Alltäglicher Feminismus“
Bewegung „#MeToo Iran“
Frauen für Freiheit und nachhaltige Gleichheit
Frauengruppe Nordkalifornien
Frauenvereinigung in Montreal
Frauentribunal e. V.
Forum iranischer Frauen in Wien
Gemeinnützige Organisation IWIN – Empowerment der Frauen durch Kunst
Gruppe der vereinten linken Frauen
Iranisch-deutscher Frauenverein Köln e. V.
Iranische Aktivistinnen im Exil – Berlin Iranischer Frauenverein Parto e. V. Kampagne zur Beendigung von Ehrenmorde Kollektiv „Frau, Leben, Freiheit“ in Rom Komitee für Geschlechtergleichheit der Solidarität der Republikanerinnen Irans
Kreis iranischer Frauen für globale Zusammenarbeit (ICWIN)
Organisation „Befreiung der Frau“
Organisation der LGBTQI+ „Manav“
Organisation für Frauenrechte, IKWRO
Studiengruppe für Frauen in Orange County
Vereinigung „Zusammen für die Gesundheit der Frauen“
Vereinigung freier iranischer Frauen
Vereinigung iranischer Frauen in Dallas